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  • Themen-Fokus :: Strassentheater

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    Von der Kunst zum Event - und retour

    Das Event des Sommers in der französischen Szene war nicht die „Armada“ zum zwanzigjährigen Bestehen von Chalon dans la rue, wo Reliquien aus der Geschichte der Straßenkunst die Saône hinab bis ins Meer schwimmen sollten und stecken blieben. Es war eine gelungenere, lebendigere Form des Rückblicks, wenn auch unter einem Dach. Aber unter welchem Dach! Das Festival Paris Quartier d’Eté lud mitten in Paris in das frisch renovierte Grand Palais zu „Le grand répertoire“, einer Ausstellung von machines de spectacles. Zick Zack Traum TheaterDa holten die Kompanien Royal de Luxe, Opus, Cirkatomik, Transe Express und andere aus ihren Schuppen, was im Straßentheater Geschichte schrieb. Diese Apparaturen stellten Seeschlachten dar, spuckten Schnee, schmierten Nutellastullen oder verschossen rohe Eier. Es gab funktionierende Modelle des Riesen von Royal de Luxe, die derzeit europaweit auf Tournee sind mit fantastischen Inszenierungen wie „The Sultans Elephant“ oder „La Petite Géante“. Auch die Giraffen von Transe Express, ein Giroudoudoum und der Sturm im Kühlschrank von Opus wurden gespielt.  Die Branche ist ja äußerst fantasievoll und geradezu besessen von nostalgischer Bastelwut, die hier mit einer Orgie aus Bewegung, Lärm und Gerüchen gefeiert wird. Man eilt von einer Vorführung zur anderen und mit der Zeit wird aus der Ausstellung auch im Gefühl des Besuchers eine Aufführung mit Dramaturgie und Inhalt. Das Konzept stammt von François Delarozière von Royal de Luxe. (www.quartierdete.com)

    Manche Aufführung könnte man sozusagen als „ready made“ dort hinein setzen, z. B. das neue Objekttheaterstück von Turak. Die Kompanie von Michel Laub war schon oft auf Straßentheaterfestivals präsent, spielt aber mit „Depuis hier. 4 habitants“ zum ersten Mal outdoor. Die Bühne stellt eine Art Jurte ohne Plane dar, von Fäden durchzogen und vollgestopft mit Apparaten, Accessoires und Objekten. Da verwandeln sich die Puppen in ihre eigenen Ängste und Träume. Die Maschinen machen sogar Musik, wenn beispielsweise fünf Geigenbögen, mechanisch angetrieben, Violine spielen. Diese Sammlung von Fantasien rührt am Unterbewusstsein, wie bei Philippe Genty. Laub bastelte seine „Vier Einwohner“ aus Material, das er beim Kanufahren einsammelte, nach einer Überschwemmung. So bestehen seine skurrilen Puppen aus Holzstücken, Kanistern, usw. Das Stück spiegelt die Geschichte seiner Entstehung. Während einer Serie von Vorpremieren in Indonesien, Russland und Syrien arbeite Laub auch mit Künstlern, die er dort traf. Den Hammer, mit dem sich eine der Figuren auf den Kopf schlägt, fertigte ein syrischer Künstler an. In Laos luden sie ihren Krempel auf einen Einbaum und spielten in Dörfern, die nur per Wasser zu erreichen sind. Dieses Erproben vor Menschen, die zum Teil noch nie Theater gesehen hatten, liegt ihm am Herzen, um Theater zu spielen, das allen Schichten zugänglich ist. Auch das war ein Grund dafür, dieses „Seit gestern ...“ outdoor zu spielen. (turak.theatre @wanadoo.fr)

    Zum Clan der Bastler gehört auch die kleine niederländische Kompanie Carbid Theatermakers. Sie arbeiten, in einer Linie mit Warner und Konsorten, das Absurde in unserer Beziehung zu Mitmenschen und Umwelt heraus. Ihr „Chicken House“ kann allerdings dem Tiefgang einer Performance ihrer Lehrmeister nicht das Wasser reichen. Der metaphorische Bauernhof aus Blech, Stangen und Rädern braucht noch viel Dünger und Energie. (www.carbid-theater.nl)

    Anders das „Bizzarium“ von Les sages fous aus Kanada. Zwei Taucher ziehen ein Boot durch die Straßen, und wenn sie auf einem Platz anhalten, wird er sich bald in eine Unterwasserwelt verwandeln. Sie „erforschen Kreaturen, die von der Wissenschaft noch nicht entdeckt wurden“. Das lustige Duo bringt sein Boot im Sommer nach Europa und spielt, wo es ihm gefällt. Auf Mimos in Périgueux waren sie im In-Programm. Aber „Festivals, auf denen die Truppen nur benutzt werden, um die Stadt zu dekorieren“ meiden sie. Lieber tauchen sie ab. Die Illusion des Unter-Wasser-Spielens ist so perfekt, dass selbst der Zuschauer glaubt, sein Körpergefühl verändere sich. Die Begegnungen mit märchenhaften Austern und Fischen sind kindlich träumerisch, die Technik der Gesten perfekt. Ihr Masken- und Marionettentheater verwandelt einen ganzen Platz in ein Aquarium. (www.sagesfous.com)

    Ein Spiel der Illusion im großen Maßstab lieferte auf Mimos eine Zusammenarbeit der Bängditos aus Hamburg mit dem illustren Szenografen Xavier de Richemont. Die „Schutzengel“ der Feuerwehr zogen ihre burleske Show aus Musik, Theater und Feuerwerk vor der berühmten Kathedrale von Périgueux ab. Richemont verstand es, Rauch und Projektionen so täuschend echt abzustimmen, dass es ganz so aussah, als ginge Saint-Front in Flammen auf. Bei der Generalprobe soll sogar eine verschreckte Einwohnerin die echte Feuerwehr gerufen haben. Der (künstlerische) Einsatz der „Schutzengel“ selbst wurde im Allgemeinen als etwas dürftig empfunden. Hier zeigt sich: Auch Mimos ist teilweise auf dem Weg in die Event-Kultur. Auch das zweite Feuerwerk des Festivals enttäuschte künstlerisch. Die Kompanie Brayses versprach einen Garten aus Licht und Flammen, der sich gegen seine Herrscher auflehnt. Doch verglichen mit den weit ausgefeilteren, subtiler orchestrierten Darbietungen von Groupe F oder Carabosse war der „Florilège“ von Brayses Schall und Rauch. (www.baengditos.de; www.brayses.com)

    Einige größere Produktionen der Saison kommentiere ich beim nächsten Mal, denn Größe ist nicht alles. Lassen wir uns kurz verführen von neuen Produktionen, die nach dem Motto „klein aber fein“ vor fünfzig bis dreihundert Personen mit Rückgriff auf das Mittelalter mit Brettern und Stelzen daherkommen. Triade Nomade tanzen Tango auf Stelzen, und das geht tatsächlich! Ihr „Volver“ ist durchzogen von Eifersucht, Drama, Leidenschaft. Der Stelzenlauf bringt die rebellische Facette des Tangos zum Vorschein. Es ist das Resultat zehnjähriger Recherche und macht aus einem Walk-Act raffinierte Kunst.

    Der „Creature Man“ der Kompanie Tultetar aus Brüssel spielt mit der altbekannten Schaubude. Die Schausteller sind zwei falsche Italiener, in deren Bude natürlich kein Monster spukt, sondern der Assistent die Hände und Augen schwingt. Dabei passieren so viele Missgeschicke, dass der Schwindel in Heiterkeit verfliegt. Diese kurze Rückkehr in alte Zeiten hat reichlich Charme und Charakter. (www.tultetar.be)

    Ähnliches würde man auch von Théâtre des monstres erwarten, doch ihr „Hôtel des Hortensias“ ist eine Bretterbude, in der Mann und Frau, unten und oben, einfach ihren Alltag leben. Der aber gerät immer wieder aus dem Tritt, verzaubert von immer neuen kleinen Zaubertricks. Die Gesten der Körperpflege oder des Wäschewaschens geschehen wie im Traum. Mit Monstern hat das nichts zu tun, bei so viel Zärtlichkeit.

    Lieber berührt sein vom Kleinen als sich zu langweilen im Pompösen. Das gilt auch für Clowns. BonBon nennen sich Anna und Hanako, zwei kleingewachsene, drahtige Japanerinnen, die nicht nur Mime und Clown, sondern auch Akrobatik blendend beherrschen. Die triumphierenden Rufe des Dompteurs bringen sie voller Ironie, ihr Spiel mit einem Zuschauer ist sehr behutsam. Das ist eine ganz andere, überraschende Art, Grock nachzueifern. Ihr Talent ist so groß wie ihr Bekanntheitsgrad klein ist, aber das dürfte sich für dieses Duo, das zwischen Japan und Paris lebt, bald ändern. In einem Bild spielen sie die Ängste eines kleinen Mädchens, das zu Hause allein gelassen wird. Nie sind sie auf leichte Lacher aus, weil einem das Brett vor den Kopf knallt. Nie bekämpfen sie sich, nie gibt es Lacher auf Kosten des anderen. In „BonBon“ verbindet sich ein asiatischer Blick auf den Clown mit dem Weiblichen. 

    Redaktion: Thomas Hahn

    AdNr:1090 

    2006-09-15 | Nr. 52 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn