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    Aktuelle Kritik - Zärtlichkeiten mit Freunden

    Sachsen mit schrägen Perücken

    artbild_350_zaertlichkeitenZweieinhalb Stunden lang Kaspertheater vom Feinsten im BKA-Theater. Oder nein, „Musik-Kasperett“ nennen die sächsischen Musiker und Kabarettisten Christoph Walther und Stefan Schramm ihr Genre und was in ihrem neuesten Programm „Das Letzte aus den besten 6 Jahren“ als improvisiertes Chaos voller verpasster Einsätze an Gitarre und Schlagzeug, Kalauern und manchmal Unappetitlichem – Hornhaut doch nie mit dem Messer abschneiden! Verletzungsgefahr - daherkommt, ist bestimmt genauso geplant. Durchdacht bis ins die verrutschten Spaßperücken, die aus den beiden Männern die Kunstfiguren Cordula Zwischenfisch und Ines Fleiwa machen. Fleiwa spielt gekonnt Gitarre und ansonsten die Rolle, die Seppl im Kaspertheater einnimmt: freundlich lächelnd, bisschen naiv, und erst am Ende aufmüpfig. Dann reicht es ihm, dass sein Duo-Kollege Zwischenfisch – ein ziemlich fieser Kasper- ihn immer wieder zurechtgewiesen und runtergemacht hat.

    Denn im Duo „Zärtlichkeiten mit Freunden“ hat in der ersten Hälfte des Programms eindeutig Cordula Zwischenfisch die Hosen an. Ab und zu in herrlichstes Sächsisch verfallend sitzt er am Schlagzeug, bestimmt die Einsätze, verabschiedet sich von seinem Kollegen bei jedem Stück mit einem „Bis dann“, und macht ihn den Rest der Zeit hartnäckig fertig. Holt aus zu wabernden Belehrungen über Ganzheitlichkeit und Chakren.

    Und man kann sagen, um im Ton zu bleiben: ja, hier fließt wirklich alles! Der Rhythmus stimmt, auch wenn das Publikum durch Wiederholungen, Brüche und ins Leere laufende Zwiegespräche auf der Bühne arg strapaziert wird. Und manchmal sogar ebenfalls runtergemacht wird – alles würden wir nicht begreifen können, warnt Zwischenfisch seinen Kollegen, also nicht zu intellektuell werden!

    artbild_250_ZmF_PressebildNach der Pause wollen die beiden den ersten Teil dann nochmal spielen, alles hätte ja nicht so gut geklappt beim ersten Mal - das Publikum schluckt und schweigt- und dann spielen sie schon das Lied des Anfangs, jedoch verschieben sich jetzt nach und nach die Rollen ein wenig und die Gerechtigkeit siegt, Fleiwa gewinnt Oberwasser. Zweite Runde des Slapsticks und der Situationskomik, der peinlichen Momente, Helge Schneider lässt grüßen. Gegen Ende nehmen die beiden nochmal richtig Fahrt auf und bringen ihr Publikum zum Höhepunkt: Zwischenfisch wird zum Sumo-Ringer, piept mit Micky-Maus-Stimme Japanisch ins Mikro, und weil er das so toll findet, spricht er uns gleich mal einen Porno mit genau dieser Stimme ein. Gewaltig und nicht lockerlassend reizt er diese Komik bis ins Letzte aus, während Ines Fleiwa mit stoischer Miene neben ihm sitzt.

    Beim Merchandising am Ende des Programms gibt es einen kleinen Schwenk zur Realität im Bundes-heimatland Sachsen: Zwischenfisch hätte da eine grandiose Idee, wie man die Werbe-T-Shirts endlich alle loswerden könne: einfach auf den Rücken die Marke eines bekannten Neonazi-Kleidungsherstellers aufdruk- ken und sie auf dem Markt in Riesa verkaufen. Erfolg garantiert.

    Am Ende dann noch ein Dank an uns, das Publikum: „Ihr wart ein Publikum“, sagt Zwischenfisch. Na dann auch vielen Dank.

    Mehr Info: Zärtlichkeiten mit Freunden


    Redaktion: Katrin Schielke


    Bildnachweis:
    Zärtlichkeiten mit Freunden Foto:Edgar Schröter

    2016-04-08 | Nr. 90 | Weitere Artikel von: Katrin Schielke