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    Aktuelle Kritik - „Du, sag, ist jetzt der Poldi vor uns gestorben oder nach uns?“

    Die letzten, vorletzten und hinterletzten Dinge – Sabine Wackernagel und Valentin Jeker über das Alter – und was ihm unweigerlich folgt

    artbild_250_poldi„Du, sag, ist jetzt der Poldi vor uns gestorben oder nach uns?“ So nennen Sabine Wackernagel und Valentin Jeker (FOTO) ihre vergnüglich-hintersinnige szenische Lesung über die letzten, vor allem aber vor- und hinterletzten Dinge, die im Theaterstübchen vor prall besetzten Rängen Premiere feierte. Der Titel ist knapp die Hälfte einer Kurzgeschichte von Arnold Stadler. Diesem „Weltmeister der Verdichtung“ das Motto des Abends anzuvertrauen: ein genialer Schachzug, denn der Satz beinhaltet bei aller Lakonik zahlreiche Irritationen: Wo wird die Frage gestellt? Im Diesseits? Im Jenseits? Führt sie uns in die Realität einer Demenzstation oder ins Märchenland, und wenn ja, Richtung Himmelswolke oder Höllenschlund? Zwischen Diesseits und Jenseits, Himmel und Hölle sind viele Texte verankert, derer sich das Duo, bisweilen einig,  hin und wieder streitend, an diesem Abend annimmt. Die meisten widmen sich der Eopche des Lebens, in welcher der große Abschied unmittelbar bevorsteht – oder sich zumindest unmissverständlich ankündigt. So etwa im genialen Dialog „Vergesslichkeit“ von Karl Valentin, wo zwei Gesprächspartner fortgeschrit- tenen Alters sich im Hamsterrad des „ich-weiß-es-nicht-mehr“ drehen, das allerdings auf virtuose, die Lachmuskeln stimulierende Weise.

    „Alt werden ist nichts für Feiglinge“ – das Programm der beiden Vollblutmimen, die ihr Alter, sie 68, er 80, nicht verschwiemeln, sondern bereitwillig offenlegen, ist eine beherzte Paraphrase des Joachim-Fuchsberger-Bestsellers, auch wenn aus ihm nicht zitiert wird. Stattdessen tauchen Texte auf von Robert Walser, Gottfried Benn, Samuel Beckett, Robert Gernhardt, Ernst Jandl und vielen anderen, die aus der Schwelle vom „eben noch“ zum „nicht mehr“ literarische Funken geschlagen haben. „Lotte in Weimar“ von Thomas Mann, jener  Auftritt von Goethes/Werthers in die Jahre gekommener Jugendliebe in der Wirkungsstadt des greisen Olympiers, ist ein melancholisches Zusammentreffen von ferner Vergangenheit und auf eine Mini-Portion geschrumpfter Zukunft. Wie Wackernagel und Jeker dieses späte Rendez-vous zwischen Wehmut und Ironie ausbalancieren, ist meisterhaft. – Und was bleibt, wenn einmal alles zu Ende ist? Nicht viel, will man der neuseeländischen Dichterin Katherine Mansfield glauben schenken, der das Schicksal gerade einmal 34 Lebensjahre zugemessen hat.
    Wackernagel zitiert ihr Credo: „Ich glaube, die Menschen sind wie Handkoffer: mit allerlei Dingen vollgestopft werden sie auf die Reise geschickt, herumgestoßen, beiseite geschubst, fallen gelassen. Sie gehen verloren, werden wiedergefunden, werden im nächsten Moment halb geleert oder voller gestopft denn je, bis der letzte Gepäckträger sie schließlich auf den letzten Zug bugsiert, und dann rattern sie endgültig davon.“

    Begeisterter Applaus, als an diesem Abend auch der letzte Zug abgefahren ist.


    Redaktion: Verena Joos

    2016-04-08 | Nr. 90 | Weitere Artikel von: Verena Joos