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    Wortakrobaten unter der Lupe

    Beziehungskisten oder Generationenkonflikt – wenige Themenfäden sind es, aus denen derzeit Kabarettisten ihre Bühnenstoffe weben. Da ist es schon erfrischend, wenn es kleine Ausbrecher zu sehen gibt. Mit einer fulminanten Premiere am Eröffnungsabend (16.01.) hatte die Kleinkunstwoche Carambolage im Heidelberger Karlstorbahnhof aufgewartet. Im Wortwechsel wie zwillingsgleiche Hüter einer Vorhölle, die Alltag heißt, breiteten die Autoren Horst Evers und Frank Goosen bei einer kabarettistischen Lesung ihre aberwitzigen Geschichten aus. Schwierig, wenn sich zwei so Wortgewaltige respektvoll lauernd umkreisen. Dabei hätte jeder voll auftrumpfen können, ohne den anderen auszuspielen. Familienvater Goosen, dichter im Beziehungsgeflecht, seziert Vertrautes, entblättert sich bei Geschichten mit hohem Identifikationsfaktor. Aber Goosen plauderte auch mit der für ihn so typischen, stoischen Gelassenheit aus seinem Hirn- und Nähkästchen.  Gert RudolphDann kommen Geschichten über seine Erlebnisse als tingelnder Autor auf den Tisch, über zutrauliche Duschvorhänge in Hotels, die wie Tiere heißen. Dann berichtet Goosen akribisch, wie aus einem Vollrausch Schritt für Schritte parallele Welten entwachsen. Horst Evers dagegen bricht in ungeahnte Welten ein, stolpert frei und anarchisch ins Geschehen, liest literarischen Slapstick mit unerwarteten Wendungen. Der Kauf einer Arbeitsplatte im Baumarkt mündet in eine kafkaeske Verfolgungsjagd durch Berlin. Ein Fußballspiel und die Situation einen Ball halten zu müssen tritt eine Gedankenkette los, die erklärt, warum der Autor Horst heißt, und warum er sich nach der Begegnung mit einem klingelnden Hund vom Fahrer eines Pizzaservices nach Hause bringen lassen muss. Das Publikum war begeistert, auch wenn man das Gefühl hatte, dass die Begegnung beide Autoren eher etwas ausgebremst hat.

    Die eigens eingerichtete Nach(t)wuchs Newcomernacht als Plattform für junge Talente im Rahmen der Carambolage am 21.01. zeigte Newcomer Nik Schumacher, der mit seinem Stand-up-Comedy-Programm Brainstorm wenig Wortgewandtheit an den Tag legte. Pointen, die nicht unbedingt neue waren, las er von Moderationskarten ab. Schade, wenn ein Talent eine Chance so maulfaul verduselt. Meisterlich hingegen am 22.01. Thomas Reis, dessen Kabarettprogramm „So wahr ich Gott helfe“ nicht nur phasenweise politisch, sondern in der Tat durchweg postmodern war. Reis hat das Talent, zwischen zweckfrei überzüchteten Hochleistungs-Wortspielereien, tiefsinnigem Humor und festem politischem Fundament hin und her zu vagabundieren. Da markiert schon einmal ein Satz aus der Werbewelt die Enge des Weltbilds und beweist, dass es „es geht nicht eben doch gibt, oder haben Sie schon einmal einen Kosmos möbliert?“ Bei der Wortschöpfungspotenz hätte man mühelos ein zweites Hirn mit in die Vorstellung nehmen können, um dem ersten mal eine Verschnaufpause zu gönnen.

    Im zarten Alter von 14 Jahren soll die Begegnung mit Hans Dieter Hüsch für den Kabarettisten Kai Magnus Sting eine Offenbarung gewesen sein. Für das Kulturfenster Heidelberg dürfte es hingegen eine Offenbarung gewesen sein, dass Sting in der Politkabarettreihe „Denke.Schön!“ am 22.02 reichlich fehl am Platz war. Man hätte nach dem fulminanten Kurzauftritt Stings auf der Freiburger Kulturbörse 2003 in der Tat mehr vom aktuellen Programm „das Feinste vom Leben“ erwarten dürfen als eine Collage, die wie ein Zufallsprodukt wirkt. Da jammerte Sting über den heißen Sommer und weigerte sich, in Deutschland einen Superstar zu suchen. Mehr fiel ihm zum Jahr 2003 nicht ein. Selbst eben mal Mitte zwanzig, klagte er dann auch noch über seine sich stetig mehrende Leibesfülle. Auch Hüsch, der altersmilde, hat dem altklugen Springinsfeld Texte in den Mund gelegt, die ihm eigentlich noch gar nicht zustehen. Zwar bewährte sich Sting – durchaus mit Hüsch vergleichbar – als großer Plauderer mit rhetorischem Geschick, nicht aber als Plauderer wider den Zeitgeist. Eine Stunde hat es gedauert, bis der junge Mann in Fahrt kam. Dann aber konnte man sein eigentliches Talent aufflammen sehen in Sequenzen, in denen er mit feinsinniger Schlagfertigkeit brillierte. Bemerkenswert gut beherrscht Sting das Stehgreifgeplänkel mit dem Publikum. Ein Naturtalent, wie es seit Heinz Erhard vielleicht keines mehr gegeben hat. Von der Bühne aus verbreitet Sting ein heimeliges Gefühl mit munter glockenklarem Plauderton. Kleider machen ja bekanntlich Leute, aber bei Sting hat sich gezeigt, dass ein Herrenanzug noch keinen Kabarettisten macht. Und wer seinen einzigen Stachel ausgerechnet gegen Jopi Heesters richtet, der sollte wenigstens mehr Geschmack beim eigenen Bühnenoutfit beweisen, bevor er in die Hose eines alten Herrn greift. Wenn man als Kabarettist nicht weiß, wohin das eigene Programm führen wird, nimmt man sich gerne der Nöte seines Publikums an, um die Beißhemmung der Zuhörer heraufzusetzen. Bei einem, der sich so charmant, na, sagen wir besser so nett, aus der Programmaffäre quasselte, bemerkte ein spaßbereites Publikum den Inhaltsverlust zuerst gar nicht. Das war ein netter, kein politischer Kabarett-Abend.

                Erfrischender ist es da, einen wie Lars Reichow am 28.03. auf der Bühne der Mannheimer Klapsmühl zu erleben. Auch diese Karriere begann übrigens an der Seite von Hans Dieter Hüsch. Reichow setzt sich einfach ans Klavier und legt los, singt und spielt im aktuellen Programm „Der Spieler“ Lieder, die wie fein beobachtete Psychogramme sind. Dabei gelingen ihm geschmeidige Perspektivenwechsel von Mensch zu Mensch. So vorgetragen kann man auch das Beziehungskistenthema wieder neu aufrollen, ohne dass das einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. Hat Reichow eben noch den alternden Körper eines lange verheirateten Mannes im perspektivischen Wechsel – mal aus der erklärenden Sicht des Mannes und mal durch den Türschlitz des Badezimmers mit den taxierenden Augen der Ehefrau – beobachtet, stellt er am Ende die Frage, warum die Ehefrau denn die Badezimmertür eigentlich abschließt. Wenn ein Oberstudienrat einen Handwerker beauftragt, seinen Wasserhahn zu reparieren, dann treffen auch da parallele Welten aufeinander, die es lohnt zu beschreiben. Reichow gelingt der Blick in die psychopathisch anmutende Gedankenwelt des Studienrats genauso wie die Schilderung des Handwerkers, der trotz angespannter Gefühlslage seines Kunden einfach seine Arbeit verrichtet. Wie nebenbei gelingt eine Bestandsaufnahme deutscher Befindlichkeiten. Geschickt setzt Reichow dabei seine Klavierbegleitung zuweilen fast wie Filmmusik zu den Geschichten ein, dann aber überrascht er das Publikum mit Balladen, die wohlige Gänsehaut erzeugen. Mit seiner ungekünstelten Art die Bühne zu erobern hat Reichow auch die Herzen des Mannheimer Publikums mühelos im Sturm erobert.

    Redaktion: Sibylle Zerr


    Veranstaltungsvorschau

    Schatzkistl, Mannheim

    16.04. Vorpremiere, Malediva „Heimatmelodie“

    01.05. Premiere, Arnim Töpel „rechtzeitig gehen“

    08.05. Madeleine Sauveur mit ihrem neuen Programm „gewusst wie“

     

    Klapsmühl’. Mannheim

    26.-30.04. Thomas Freitag mit seinem neuen Programm „Geld oder Gülle“

    01.-02.05; 19.-22.05. Marcel Adam und das Duo Au bout du monde, Chanson

    Heidelberg

    22.04. Thomas C. Breuer, neues Programm „Deutsche far niente“, Bücher am Bismarckplatz, Sophienstr. 3

     

    Karlstorbahnhof, Heidelberg

    18.04. Müller-Huber, absurdes Kabarett-Theater mit Musik.

    22.04. Hannes Bender, Premiere in Heidelberg

     

    Kulturfenster, Heidelberg

    02.05.-18.06. Neues deutsches Chansonfest „schöner lügen!“ mit Georgette Dee, Duotica, Annette Postel, Johannes Kirchberg, Tim Fischer, Christiane Weber und Manfred Maurenbrecher

     

    Jump, Walldorf

    Zeltspektakel 2004 vom 31.08.-10.09.

    31.08. Spitz und Stumpf (Pfälzer Mundartkabarett)

    01.09. Nessi Tausendschön, Premiere neues Programm

    02.09. MännerKulturen (Kabarettshow) „Nimm du ihn, ich hab ihn sicher“

    03.09. Orchester Bürger Kreitmeier (Musikcomedy)

    07.09. DRAMA light vs. Emscher Blut (Impromatch)

    08.09. Podewitz („autoritäres“ Kabarett)

    09.09. Katharina Elena (Comedy-Chanson-Cabaret)

    10.09. Stephan Bauer (Kabarett)

    AdNr:1037 

    2004-06-15 | Nr. 43 |