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  • Szenen Regionen :: Frankreich

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    Leben wie Clown in Frankreich

    Wem die Nase (weg-) läuft. Bitte, nehmen Sie es nicht zu ernst, wenn ich behaupte, dass Frankreich auch in Sachen Clowns die Nase vorn hat! Will ich etwa bestreiten, dass die klassische rote Nase, außer bei Wein trinkenden Bauern, im Land des Pierrots längst zur Mottenkugel abgestiegen ist? Mitnichten! Wenn schon Nase, dann mindestens blau oder schwarz oder als spitzes Hütchen getragen. Wie auch immer, der sprunghafte Anstieg der Clownseiten in TROTTOIR entfacht den naseweisen Wunsch zu beschreiben, was ‘Leben wie Grock in Frankreich’ heute bedeutet. Wie heißt die Top-Kompanie des Landes? Les Nouveaux Nez – Die neuen Nasen, oder, darin mitgehört: die Neugeborenen. Die historische Neugeburt um André Riot-Sarcey liegt bald schon fünfzehn Jahre zurück und mindestens ebenso lange betreibt Gilles Defacque in Lille seine Recherchen zum Thema mélancolie burlesque. Dessen ungeachtet waren beide im dritten Jahr des 21. Jahrhunderts (also 2004, haha!) Eckpfeiler eines Festivals in La Villette (Paris) unter dem Motto „Die neuen Clownfiguren“. Das bezeugt nichts weiter, als dass findige Spürnasen den Apparatschiks der Institution mehr als eine Nasenlänge voraus sind. Immer. Damit etwas Neues entstand, war die Auflage, einen Workshop anzubieten und sich mit Amateuren zusammen auf die Bühne zu wagen oder in kürzester Zeit eine neue Arbeit aus dem Hut zu zaubern. Da heißt es, ähnlich wie im Blitzschach, Hosen ‘runter! Nur die besten Profis bringen ihre Schäfchen ins Trockene. Und Les Nouveau Nez erwiesen sich gerade hier als brillant. Ohne jede Mühe integrierten sie Franck Dinet, der allerdings selbst ein ausgebuffter Profi ist.

    Spritzer: Dinets Seiltanz-Slapstick am lose gespannten Tau ist das Kernstück seiner neuen Performance „La voix de la muette“ (Die Stimme der stummen Frau). Heißt er in seiner Clown-Identity Amamouche (in etwa Anmeinefliege), so hat ihn eben seine Frau verlassen, der er beim Betrachten von Fotos nachtrauert. Auch zwängt er sich in ihr rosa Unterkleid. Amamouche erregt Mitleid, wenn er als steife Puppe einmarschiert und dabei an Buster Keaton erinnert. An den Füßen trägt er übergroße Hühnerkrallen. Ja, ja, auch die Schuhe des Clowns sind nicht mehr das, was sie mal waren. Sein Labor der Emotionen ist noch schrecklicher anzusehen als ein Hobbykeller. Er wollte doch gar nicht für uns spielen, aber da wir nun mal da sind und ihn in seiner Trauer bloßstellen, hat er keine Wahl. Zum Tango verhaspelt er sich mit einem bewegenden Rodeo am Seil und spielt mit der Schlinge. Wäre Selbstmord angemessen? Wer durch eine wohltemperierte Klarinette das Publikum mit Wasserbier bespritzt und am Ende auch mit Wein panscht, den hätte wohl jede Frau verlassen, so musikalisch seine Seele auch sein mag. Das Publikum ist ihm treu. Dinet ist nicht nur Amamouche, sondern auch Gründer und Leiter des Theaters und der Clownschule Le Samovar in Bagnolet, einer banlieue von Paris. Le Samovar veranstaltet regelmäßig Clownfestivals und steht für alle Richtungen des Bewegungstheaters offen. www.lesamovar.net

    Glückwünsche: Sie gehen an Howard Butens Buffo, der gerade seinen dreißigsten Geburtstag feierte, und an Clowns sans frontières für ihr zehnjähriges Bestehen. An deren weltweiten, humanitären Lachrettungseinsätzen in Katastrophengebieten liegt es wohl kaum, dass sich in Frankreich immer wieder Amerikaner (H. Buten! s. TROTTOIR Nr. 40, S. 44/45), Belgier, Holländer, Deutsche, Latinos, Engländer, Finnen, Israelis etc., denen daheim die Nase blutet, wohl fühlen. Eher schon daran, dass in Paris die berühmte, von Jacques Lecoq gegründete Schule so etwas wie eine Pflichtetappe ist und am Centre national des arts du cirque in Chalon en Champagne (CNAC) der oben gewürdigte André Riot-Sarcey im Fach Clown unterrichtet. Félicitations auch an Gilles Defacques mit seinem Théâtre International de Quartier (Internationales Stadtvierteltheater), das sich mit einer belgischen Kompanie zusammenschloss und sich so EU-Subventionen einverleibt. Clowns sind clever!

    Eier etc: Auch andere Theater beginnen, Clownfestivals zu veranstalten. Zum Beispiel Le Zèbre in Paris, wo selbst Teller und Kaffeetassen Zebradesign tragen. Noch so ein kosmopolitischer Kleinkunsttempel. Harry Stork zum Beispiel möchte eigentlich nur ein Ei essen. Besteck und Eierbecher liegen bereit, aber hat er ein Ei, so beschäftigt ihn vor allem sein Besteck und mit dem Ei selbst versucht er Zaubertricks und Wortspiele. Im zweiten Teil fährt ein zweites Ei von der Decke herab. Fatal! Nicht nur, dass er nun drEi oder vier Hände bräuchte um Eins zu essen. Sondern das Ei wird sein Ebenbild. Ist es endlich zermatscht, wird Harry selbst zum Huhn. Kein Ei mehr im dritten Teil, und so legt er ein gigantisches, dem ein schwarzes Küken entschlüpft – ein kleiner Harry als Handpuppe! So auf den Kern reduziert wie Beckett, zitiert Harry dennoch Shakespeare, natürlich Hamlet. SEin oder nicht sEin. Der Interpret heißt Alan Fairbairn und ist, man hat es geahnt, Engländer. Seit zwanzig Jahren in Frankreich. Wie Beckett. Ganz originell: die drei Teile wurden von drei Regisseuren inszeniert, der Französin Catherine Baÿ, dem Amerikaner Craig Weston aus Belgien und dem österreichischen Opernregisseur Markus Kupferblum. Von Episode zu Episode wird Harry körperlicher, nervöser, lauter. Am Ende tanzt er ein Mantra und wackelt mit den Ohren, selbst wenn Wäscheklammern dranhängen. Ein Clown, der auch Beckett hell entzückt hätte.

    Kunzstücke: Wie Harry Stork trägt auch Nikolaus Maria Holz seine Nase gern auf der Schädelkuppe. Als Clown heißt er einfach Nikolaus. Zusammen mit seiner Partnerin Ivika Meister aus den Niederlanden und dem Meister des Bandoneon, Olivier Manoury, kommt ein Familienname hinzu: „Die Kunz“ heißt das neue Programm. Holz ist ein typischer Absolvent des CNAC. Weniger Beckett, mehr Zirkus. (Jongleur + Akrobat) x Clown = Nikolaus. Seine schier endlosen Beine sind wie aus Gummi und seine Bälle fliegen noch geradeaus, wenn sein Kopf unten hängt. In beider Köpfe wirbeln die Ideen nicht weniger spektakulär. Aus einem Handwagen mit nostalgischem Hausrat erhebt sich ein TV-Gerät der 50er-Jahre, das die Ansagerin auf skurrilste Proben stellt. Vorher spielte Ivika eine Engländerin, die beim Teetrinken ihre Missgeschicke immer auszubügeln weiß und damit doppelten Schaden anrichtet, bis auch der Tisch zertrümmert ist. Im Überfluss der Objekte finden beide genauso wenig Lebenshilfe wie Harry Stork in der Sparsamkeit. So elastisch wie die Körper von Holz und Meister sind allein ihre Gesichtszüge. Kunz kommt von können! Noch eine Holländerin: Pina Blankevoort lernte unter anderem bei Lecoq und Riot-Sarcey. Die karikative Ader ihrer Figur, Frida, mag von Pinas Engagement bei Le Rire médecin, den französischen Clown-Doctors, inspiriert sein. Bei Frida haben wir Eintritt für einen guten Zweck bezahlt, eine Benefiz-Gala. Aber Frida ist eine Hausfrau, die sich als Künstlerin ausgibt und weder Zaubertricks noch  Backen, Musizieren etc. wirklich beherrscht. Das spröde, unbeholfene an ihrem Charme unterstreicht den Mut der Verzweiflung, mit dem sie ihre tollpatschige Show zu Ende bringt. Ihr Regisseur Marc Frémond lernte selbst mit Gilles Defacques und an der Lecoq-Schule, wo er heute unterrichtet.

    Böses: Frankreich hat sogar Clowns, die einen das Fürchten lehren. Bonaventure Gacon alias Boudu mit seinem wilden Bart ist so einer. Da warnt man die Kinder vorher, dass es zum Bösen Mann geht. Aber Gacon bleibt trotz seiner Akrobatik auf Distanz, und hinter seiner grimmigen Fassade ist er dann doch ganz zart. Den realen Schrecken verarbeitet eine bemerkenswerte Truppe namens C.R.I.K. (Cercle de Recherche et Investigation Klownesque). Soldaten, Offiziere, streitende Nachbarn und Terroristen sind die Figuren in „Fin de Patrie“ (Ende des Vaterlandes), eine Anspielung auf Becketts „Endspiel“ (Fin de Partie). Der Regisseur Jean-François Maurier und seine sieben Särge, pardon, Zwerge suchen und finden das tiefe, Bewusstsein erzeugende Lachen einer ungläubigen Ekstase, das einem erst hinterher im Hals stecken bleibt. Tatsächlich gleichen viele Lacher trockenen Explosionen. Lagebesprechungen, Befehle, Gefechte, der Start im Cockpit, Begräbnisse, eine Pressekonferenz bewaffneter Nationalisten. Die Gesichter sind wie schiefgeschlagen, die Uniformen absurd kindlich gebastelt. Die Recherchen des C.R.I.K. galten der menschlichen Aggression allgemein. Woraus entstehen Streit, Gewalt und Krieg? Die extreme Herausforderung, aus Borniertheit, aus religiöser oder militärischer Doktrin ein Clown-Stück zu schreiben, das psychologische Tiefe bietet, lösen sie als Elite-Truppe. www.idablaska.com

    Redaktion: Thomas Hahn

    2004-06-15 | Nr. 43 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn