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    Mimos 2001 - im Zeichen Nippons und des Labyrinths…

    War Mimos im letzten Jahr das Dorado der Koreaner, so lud Peter Bu zu Mimos 2001 jede Menge Japaner nach Périgueux. Eine Art Festival im Festival mit verschiedensten Facetten des Butoh, im In und sogar im Off. Ein alter Bekannter auf Mimos ist Gyohei Zaitsu, der vor Jahren sozusagen über Mimos nach Frankreich kam. Seit zwei Jahren zeichnet sich ab, dass er schon bald einer der führenden Butoh-Mimen sein kann. Seine Performance „Etre-là" (Da-sein) ist der radikalste und asketischste Butoh nach Masaki Iwana (von dem Gyohei stark beeinflusst ist). Ellen UrbanIn diesem Solo windet er seinen Körper in minimalen Bewegungen, die sich im warmen, sparsam dosierten Licht zu ständig wechselnden, unfassbar überraschenden Körperbildern additionieren. Oft wird einem erst nachträglich bewusst, dass man eine winzige Veränderung wahrgenommen hat. Wem es zu minimalistisch erscheint, dass es eine Stunde dauern kann, bis der Tänzer aus einer raubkatzenähnlichen Lauerstellung in die aufrechte Position gelangt, sollte sich lieber Zaitsus humoristische Seite ansehen. Denn der junge Kerl geht seinen eigenen Weg. In «Le corps illogique» parodiert er Slapstick, Zirkus, French CanCan und Exhibitionismus. Er füttert das Publikum mit Popcorn bevor er seine volltrunkene Figur in aufrechter Stellung in andere Sphären entschweben lässt. Masaki Iwana würde eher Fett ansetzen als solche Parodien zu wagen. Doch nicht immer tritt Zaitsu solo auf. Für Mimos kreierte er «Epanouissement» (Aufblühen) in dem er ein mit «Etre-là» vergleichbares, wenn auch weniger radikales Solo von drei immobilen Tanzerinnen in weiss einrahmen lässt. Diese verwandeln sich erst später, vom kosmischen Sturm durchfahren, in Furien. Eine von ihnen ist Gyoheis Gefährtin Maki Watanabe. Beide leben heute in Paris. Auch Maki tritt normalerweise solo auf, mit ebenso unglaublicher Beherrschung der Langsamkeit und dieser Fähigkeit, mit kaum wahrnehmbarer Bewegung die Konzentration des Zuschauers ins Unermessliche zu steigern. Vor drei Jahren sah man Maki und Gyohei im Off von Mimos. Den Sprung ins offizielle Programm haben sie voll verdient.

    Im Off aufzutreten war dank japanischer Bescheidenheit in diesem Jahr aber kein Makel. Aus Tokyo kam Hiroyo Kitao mit ihrem Solo «Asbestgitter» das sie indoor und outdoor spielt. Die Tänzerin war fünf Jahre lang Physiotherapeutin für Pina Bausch und deren Kompanie. Am Anfang ihres Solos stecken die Zuschauer lila Blumen in ihr leichtes Brautkleid. Das Thema ist die Frau als solche, ausgestattet mit einer Persönlichkeit so resistent wie das Asbestgitter aus dem Chemieunterricht, und dennoch in Schönheit gefangen. Eine Prise Maskulinität durchdringt ihre Figur, die einen gefangenen Vogel evozieren kann. Vor allem aber wird man daran erinnert, wie Kazuo Ohno in ähnlich leichtem Gewand von weiblicher Energie durchströmt wurde. Auf Mimos testete Kitao ihr Solo, das sie normalerweise auf der Bühne tanzt, unter Outdoor-Bedingungen. Mit grossem Erfolg.

    Im In und Off gleichzeitig sah man Ryuzo Fukuhara. Auch er leidet unter der japanischen Isolation im Labyrinth des Kollektivs und tritt daher hauptsächlich solo auf. Seinen Tanz definiert er als Butoh der von Alltagsstiuationen ausgeht. In «A travers strates» (Durch die Schichten) betritt er die Bühne mit dunklen Augenhöhlen und zum pathetischen Gesang eines russischen Tenors. Sein Körper bleibt starr, nach vorn oder zur Seite gebeugt. Das Understatement mit Bezug auf den Tenor birgt versteckte Komik. Im zweiten von fünf Bildern entwickelt Fukuhara eine gestische Kalligraphie die mehr und mehr den ganzen Körper erfasst. Seine strengen, schnellen Bewegungen versetzen Kopf und Oberkörper in einen Zustand in dem Spannung und Lockerheit emulgieren und den Körper seitlich hin- und her schnellen lassen. Trotz der formalen Strenge – er ist Performer und plastischer Künstler – erinnert seine Figur hier an Marceau, dort an den Faun oder an den Pierrot lunaire. Fukuhara gehört zu jener wertvollen Spezies von Künstlern die Tradition mit neuen Formen verknüpfen. Im Off trat er im Duo auf und spielte mit seinem französischen Partner und zwei Blecheimern ein Mimodram zweier Kreaturen die unisono und als jeweiliges alter ego das Leben ausserhalb der Eimer entdecken. Die Präsenz so vielseitiger Butohvariationen reflektiert die Welle japanischen Tanzes die zur Zeit in Paris von explodierendem Interesse des Publikums getragen wird.

    Und es gab doch eine Kompanie im Programm. A-N heisst sie und zeigt ein drolliges Tanztheater das eine alte Legende umarbeitet. Mit manchmal schrillem Pop in den Bewegungen, in Kostümen zwischen Hawaii und Eskimos, mit entwaffnender Einfachheit und Komik, gelingt es A-N in «Echos» , viel Wärme zu verbreiten und einen vergessen zu lassen dass man von dem japanischen Text nichts versteht. Die Grenze zwischen Tanz und Mime bzw. Musiktheater verschwimmt vollständig. Die Choreografin Mizuki Nishiyama zeigt, dass sie auch klassische Mime beherrscht und die Kompanie entwickelt eine Gestensprache zwischen Mime und Musical. Das Stück hat sie vor allem für ein europäisches Publikum entwickelt. Dank seiner Wärme und seinem Humor war «Echos» im Off-Festival von Avignon, wie auf Mimos, ein echter Abräumer.

    Das I-Tüpfelchen auf dem Japan-Mimos war eine umfangreiche Ausstellung verschiedenster Ikonografien zu Kazuo Ohno, die sich auf Galerien und Theater von Périgueux verteilte. Die Ausstellung bietet Bilder verschiedenster Fomate und Stile der grossen Ohno-Auftritte und wird vom japanischen Kulturzentrum Bertin Poiree in Paris verwaltet.

    Der zweite rote Faden in Mimos 2001 war dem Labyrinth gewidmet. Indoor und Outdoor gab es, wie immer auf Mimos, jede Menge Entdeckungen. Im nächsten Trottoir wird es um Labyrinthe und Monster gehen und um die Fragen warum die russische Kompanie BlackSkyWhite 2001 den Preis gewonnen hat und wer aus deutschen Landen dort am Start war. Auch von einem Abend mit vielen Kurzausschnitten, der die Vitalität der Mimen demonstrierte, soll die Rede sein. 

     Redaktion: Thomas Hahn

    AdNr:1099 

    2001-09-15 | Nr. 32 | Weitere Artikel von: Thomas Hahn