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  • Szenen Regionen :: Hamburg

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    Wahrheit, Schönheit und ein Kadett L

    Das ist ein Hammer: Mit eben solchem und Brechstange, mit Axt und Flex, mit Stahlbolzen und Baseballschläger bearbeiten Christian von Richthofen und Stefan Gwildis einen Opel-Kadett L in 1,6-Liter-Version solange, bis er zu Bruch geht. Das Ganze umrahmt von Tschaikowsky und Marschmusik, von Jazz und Schlager ("Chitty Chitty Bang Bang"), von Platons Frage nach der menschlichen Seele, die bei ihrem Aufschwung Wahrheit und Schönheit erblickt, sowie einer furiosen Hitler-Rede zu des Deutschen liebstem Renommierobjekt. ADAC und TÜV, Sonntagsfahrer und Stauverhalten kriegen dabei ebenfalls einen auf's Dach. Dieses Ereignis nennt sich "Auto Auto!" und läuft um die Jahreswende auf großer Deutschland-Tournee. Vor körperlicher Gefährdung muss nicht gewarnt werden, denn wenn's hart auf hart kommt, setzen die Zuschauer der ersten drei Reihen Helme und Schutzbrillen auf. Und auch die erwähnte Seele kriegt keinen Knacks: Richthofens und Gwildis' Demontage eines Mythos ist unterhaltsam, frech und geistreich zugleich und erntet großen Jubel.

    Beim 1. Open-Air-Schaubudenfestival "Wunderbalkon" in Altona waren diese beiden Hamburger Haudegen auch dabei: als zwei von 35 Komödianten und Kabarettisten, Artisten und Musikern, die auf einem malerischen Plateau oberhalb des Hafens ihre Künste in sieben Zelten plus einem Karussell darboten - leider zunächst bei schlechtestem Pfingstwetter. Die Akteure waren aus ganz Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz angereist. Aus Hamburg kamen noch Konrad Stöckel und seine unter Insidern sehr angesagte "Sideshow", die "Männergestalten" Jens Heitmann und Detlev Wutschik sowie das "Wunder-Chapiteau" der Rotznasen. Die Nordheide lieferte die Ferner-Liefen-Show. Nach alter Schaubudentradition mussten die Künstler ihr Publikum selbst kobern und ein Eintrittsgeld verlangen. Der stadtteiladäquat bunt und stimmungsvoll konzipierte Kultur-Event wurde durch qualitätvolle Schlemmer-Stände ergänzt und dauerte zehn Tage. Veranstalter Uwe Bergmann hatte sich diese Art weiterentwickeltes Straßentheater in Holland abgeguckt. Das Festival ist kleiner Bruder des großen Stadtteilfestes "Altonale", Fortsetzungen sollen folgen.

    Überhaupt Festivals und andere Open-Air-Veranstaltungen: Die liegen in der schönsten Jahreszeit natürlich auch im Hamburgischen im Trend. So gab es im Rahmen der bundesweiten "Europawoche" Anfang Mai das zweite Puppentheaterfestival im Innenhof des Rathauses - zehn Tage lang spielten Gruppen aus 15 Ländern Märchen und andere Stücke für insgesamt 3.000 Kinder und Erwachsene.

    Die beliebten Zelttheaterwochen organisierte Bajazzo e.V. im Juni / Juli wieder im Schanzenpark der Hansestadt. Und das hochkultivierte 4. Fleetinsel-Festival mit Comedy, Artistik, Straßentheater, Tanz und Musik sowie Kulinarik vom Feinsten stieg Mitte Juli in der Innenstadt. Für "Hamburgs edelstes Straßenfest" hatten Uwe Bergmann und seine Mannen unter vielen anderen verpflichtet: Michael Fitz und Band, Gustav Peter Wöhler und Band, die Vocal Remixers The Buddhas, die Berliner Luftakrobaten Clockwork, die Tangoexperten Quadro Nuevo und Soledad Berrios & Band sowie Cassano & Espinosa, die in Argentinien wahre Volkshelden sein sollen.

    Eher ländlich als international, aber nicht weniger engagiert war es um Pfingsten in Clenze im Landkreis Lüchow-Dannenberg zugegangen: Dort öffneten Kerstin und Willem Wittstamm zum vierten Mal ihren Musenpalast. Als Veranstalter fungierte diesmal die dortige Bürgerinitiative Umweltschutz, denn der Musenpalast versteht sich auch als Beitrag zum Protest gegen Atomwirtschaft und Castortransporte nach Gorleben. Eingebettet in die mehrwöchige "Kulturelle Landpartie" der Kreativen der Region bot das Einmast-Chapiteau Castorfilme und die neue Hertha-Schwätzig-Show, eine Moden- und Schmuckschau sowie Kabarett und Orgel-Flöten-Konzert mit Uli und Almut Masuth und last but not least eine von Karl-Heinz Helmschrot moderierte "Kulturelle Lachparade". Hausherr Willem Wittstamm alias Magier G. Le Grand hatte bei den Engagements wieder auf alte Szene-Kontakte zurückgegriffen - und ist für die Zukunft auch an Neuzugängen interessiert.  

    Große deutsche Namen wie Deutschmann und Beltz, Schramm und Schroth wurden zwecks Stellungnahme im Juni in die Kammerspiele gebeten zum 15. Hamburger Kabarett Festival mit dem vaterländischen Motto "Phantomstolz". Die jungen Talente kamen diesmal aus Österreich: Christian Hölbling, Severin Groebner und Ludwig Müller. Einen eigenen, allerdings italienisch inspirierten Hamburger Beitrag lieferte der renommierte Schauspieler Peter Franke mit seinem Solo "Die Hochzeit von Kanaa und andere wunderbare Geschichten". Textlieferant der vier Szenen ist Dario Fo - jener nunmehr 75-jährige Theatermacher, der sich die mittelalterlichen Gaukler zum Vorbild nimmt: Die geißelten einst die Mächtigen und richteten die Würde der Schwachen und Gedemütigten wieder auf - eine Tradition, der laut Franke in Deutschland vor 260 Jahren, als Frau Neuber den Hanswurst von der Bühne vertrieb, der Garaus gemacht wurde. Einseitig zotig und blasphemisch war allerdings der Abend in den Kammerspielen: Mehr mit norddeutscher Polterigkeit als mit mediterranem Witz erzählte und sang Peter Franke die Fabeln um Liebeslust und Phalluskult. Es wurde dennoch mal wieder viel gelacht.                                                          

    Redaktion: Ulrike Cordes                                                                                                                                                                                                                         

     

    TERMINE:

    25.9.-23.10.: Kiez Comedy Festival des Schmidt Theaters.

    Mit deutschen Comedy-Stars, u.a. Emmi & Herr Willnowsky (Moderation), Francesca De Martin, Nessie Tausendschön.

    30.9.: Henning Venskes "Monats-Schauer". Alma Hoppes Lustspielhaus.

    7./8.10.: Bo Doerek, "Zwei Zicken im ¾ Takt". Schmidt Theater.

    7.9.-15.11.: Angie's Nightclub im Tivoli. 10 Festwochen zum Geburtstags-Jubiläum mit 10 Künstlern.              

    Ende Nov.-Mitte Jan. 2001 : Richthofen und Gwildis, "Auto Auto!". Deutschland-Tournee, von Berlin u.a. über München, Augsburg, Dortmund bis Kiel und Hamburg.

    2001-09-15 | Nr. 32 | Weitere Artikel von: Ulrike Cordes